Ja, mit rhetorischen Fragen ist das so eine Sache. Hat man zum Beispiel die Wahl zwischen “bitter kalt” (ZAMG-Wettervorhersage für Wien am 5.12.2010) und “grimmig kalt” (ZAMG-Wettervorhersage für Niederösterreich am 5.12.2010) so kann man eigentlich nur zu einer einzigen vernünftigen Entscheidung gelangen:
Wieder zurück ins Bett gehen.
Das wäre eine gute Idee gewesen. Eine schlechte Idee hingegen war es, sich in die Winterwäsche zu zwängen und um 0730 in der Früh Richtung Donau-Fritzi zu fahren, um sich dort mit Stefan, Romed, Gerald, Christian und Robert zu treffen.
Hätte sich die schlechte Idee zeitlich auf diesen Rahmen beschränkt, es wäre nicht weiter schlimm gewesen. Leider aber hatte die schlechte Idee (wie so viele schlechte Ideen vor ihr) eine nicht unerhebliche räumliche und zeitliche Ausdehnung. Die räumliche Ausdehnung langte von Wien bis nach Krems, die zeitliche Ausdehnung kann man im folgenden Schaubild deutlich erkennen:
Hier sollte man vielleicht noch erwähnen, dass die vom Thermometer gemessene Temperatur von -12° Celsius nicht den tatsächlich empfundenen Verhältnissen entspricht: Durch den sogenannten Windchill-Effekt fühlt sich die Umgebungsluft an wie ca. -29°C.
Also durchaus eher frisch.
Man muss schon ordentlich bescheuert sein um unter diesen Umständen fünf Stunden lang Rad zu fahren. Und dabei hatte ich schon abgekürzt um die Ausdehnung der schlechten Idee zumindest etwas einzugrenzen – Während Stefan, Gerald, Romed und Christian noch weiter auf den Jauerling gefahren sind (und dort wie wir später erfahren durften mit wohligen, kaminfeuerähnlichen -1°C begrüsst wurden) kürzten Robert und ich ab und kehrten dem Vorhaben der dritten traditionellen Jauerlingadventfahrt den Rücken und ins Gasthaus “Museum” in Krems ein.
Der entsprechende Zeitpunkt ist in der Temperaturkurve mit “Gute Idee” gekennzeichnet und bei Gott, das war aber auch eine wirklich wirklich gute Idee!
Im Raucherstüberl wärmten wir uns am Gaskonvektor, und es dauerte nur ca. 30 Minuten, bis das erste Gefühl – und damit auch der erste Schmerz – in meine Füsse zurückkehrte.
Für fast zwei Stunden erfreuten wir uns an den die Wände fast vollständig verdeckenden Deix-Karrikaturen, dem Essen, der heissen Schokolade und der mehrmaligen Kopfrechnung, ob wir uns Essen, heisse Schokolade und Zugtickets zurück nach Wien leisten können (Gute Idee: Aussentemperatur und mitgeführtes Bargeld stets umgekehrt proportional halten. Schlechte Idee: Hoffen, dass die anderen genug Geld mithaben), dann ging es zum Bahnhof (und damit leider wieder in die Kälte) und schliesslich in den REX, der uns innerhalb einer Stunde zum Franz-Josephs-Bahnhof brachte.
Was diese Schilderung ausblendet sind die fünf Stunden, während denen die schlechte Idee ihre volle Wirkung entfalten konnte. Bei -12°C ging es zuerst über den spiegelglatten Donauradweg und dann über Landstrassen Richtung Krems. Die Landschaft dort ist traumhaft, und entschädigt für so manches Unbill. Wenn man sie sehen kann. Liegt aber tiefe Bewölkung über dem Land, so ist es nicht nur bitter kalt, sondern man sieht auch zilch, nada, nix. Da ist dann Essig mit Entschädigung, und man kann sich herrlich auf die Gliederschmerzen und die Eiszapfen am Gesichtsschutz konzentrieren.
Die Entscheidung, die Alberto-Contador-Gedenkkappe mitzunehmen war physikalisch goldrichtig, emotional aber grundverkehrt – obwohl mir nicht kalt war habe ich mich wie ein Spanier gefühlt, bei diesen Temperaturen nicht wirklich ein Vorteil.
Wie die anderen es geschafft haben, unter diesen Bedingungen guter Laune zu bleiben ist mir ein Rätsel. Jedenfalls, wenn man einen Grund braucht, um sich einen Sticker auf’s Rad zu geben: Dieser Tag war der beste, den man sich vorstellen kann.
Mein Respekt gilt nicht nur meinem Grosshirn, dem es wieder einmal gelungen ist, einen Attentatsversuch meines Kleinhirns erfolgreich abzuwehren, sondern auch den anderen Teilnehmern dieser kleinen Radexpedition; besonders aber natürlich denen, die tatsächlich bis auf die Spitze des Jauerling gekommen sind. Als uns ihr Gipfel-SMS erreichte, waren wir bereits im warmen Zug zurück nach Wien.
Was bleibt sonst noch zu sagen? Ein Hoch auf den menschlichen Wahnsinn und die Erfinder von Winterkleidung.




