(c) Joshua Hayes

Flämische Löwen, ein Killer Flyover und ziemlich viel Schlamm

Das will ich auch machen, wie Marianne Vos, Sanne Cant, Helen Wyman, Sophie de Boer, natürlich auch wie Sven Nys oder Tom Meeusen und all die glorreichen anderen, durch den Schlamm rasen, gekonnt Sanddünen überwinden, lässig in voller Fahrt knapp vor den Hindernissen absteigen, das Rad in die Luft schwingen, in großen Schritten drüber hüpfen und locker leicht wieder aufspringen – und was ich am allermeisten mag – das Rad auf die Schulter werfen und einfach mal so ein paar Meter schnell laufen um fahrende Konkurrent_innen zu überholen. Und immer Momentum. Momentum. Momentum.

Nachdem ich zu Beginn der Cross Saison 2014/15 (meiner ersten) gleich einmal einen grippalen Infekt aufgeschnappt hatte, sollte mein erstes Rennen viel später stattfinden als geplant, und gleich ein Doppelrennen werden. Nicht ganz. Ende November machten wir uns also gemeinsam mit unseren LRL Kollegen Wolf und Soigneur Peter auf den Weg nach Ternitz – eine Stadt in Niederösterreich, eine Autostunde von Wien entfernt. Ich war total aufgepumpt durch die Nervosität, war zuvor nur ein paar Mal im Gelände Technik üben, habe jedes Like A Vos und Svenness Video studiert und das Technikbuch von crosshairs gewissenhaft durchgelesen. Ich war ein kompletter CX Neuling. Komplett.

Wir erreichten also unser Ziel und ich ging mir den Kurs anschauen, ein Sportplatz, Waldstücke, Straße. Ich war auf alles vorbereitet, auch auf die Situation viel zu laufen – das ja wirklich oftmals schneller ist als durch eine tiefmatschige oder technisch heikle Passage zu fahren.

 

(c) Mimi Kathrein
Killer Flyover (c) Mimi Kathrein

 

Und bei der Nummernausgabe sah ich sie, meine Nemesis: ein sehr provisorisch aufgebauter Flyover, Bretter über einen Rücken eines Sattelschleppers vernagelt, kurz, super steil und direkt nach einer schon vor dem Rennen komplett vermatschten Anfahrt. Das ganze war geschmückt mit der Flagge des flämischen Löwen, irrwitziger Weise falsch installiert – auf dem Rücken liegend, wie ein gefallener Käfer, der alle Beine von sich streckt – ein Zeichen? Mein Adrenalin schoss durch die Decke. Aber gut – zuerst einmal Warmfahren. Der Kurs: Sehr kurz und für geübte Fahrer nicht unbedingt schwer – viel Wald, viel Wiese, ein heikler schlammiger kurzer steiler Tunnel, den man sowohl laufend wie fahrend gut überwinden konnte, meine Lieblingshindernisse – zwei niedrige Laufhürden – bei denen ich meine Ab-und Aufsteig Technik unter Beweis stellen konnte und eine Schnecke, die laufend viel schneller zu passieren war als fahrend. Und dann – ja dann – dieser Flyover. Mit Anlauf und einen Urschrei kam ich rauf und stand dann erst einmal zitternd auf der Plattform. Ich hatte so etwas noch nie gemacht. Noch nie gefahren. Ich liebe Strassenrennradfahren. Smooth. Asphalt. Und manchmal Pflasterstein, klar gibt es auch Rampen. Das waren bis jetzt aber immer Strassenrampen, keine Holzverschläge. In diesem Moment wünschte ich mir, dass ich als Kind schon BMX gefahren wäre. Das war krass. Ich fahre Ski. Ziemlich gut. Liebe steile Abfahrten – am liebsten schwarz und Kamikaze, Geschwindigkeit und wenige Schwünge. Aber mit einem Rad unter dem Hintern auf eben diesem Holzverschlag–das war zu viel. Zitternd fuhr ich den Kurs zu Ende. Und stieg dann ab. Ich wurde an diesem Tag Zuschauerin. Und zuckte ein bisschen verägert über mich beim Aufrufen meines Namens beim Start zusammen. Ok. Das war mein erster Versuch. Sehr gut, dass das ein Doppelrennen war. Morgen hatte ich also nochmals die Möglichkeit zu fahren. Ich gab mir noch eine Chance.

Der nächste Tag – bei der Hinfahrt war ich sehr leise. Der Flyover hatte mich die ganze Nacht begleitet. Ich versuchte mich im Visualisieren. Wie ich locker drüber fahre, in einem Schwung, unverkrampft.

 

(c) Stefanie Wacht
Vor dem Rennen (mit Sefanie re) (c) Stefanie Wacht

 

Nach der Nummernausgabe schwang ich mich aufs Rad. Diesmal war ich nicht alleine, Stefanie Wacht – die mich beim CX Technik lernen begleitete, leistete mir Gesellschaft und die gute Seele versprach, das Rennen mit mir gemeinsam zu fahren. Beim Warmfahren ging alles ganz locker – inzwischen aber hatte es geregnet, der Kurs war schlammig und zäher als Erdnussbutter auf einer Schwarzbrotscheibe. Aber ich war schon an die Strecke gewohnt, wusste wo ich fahren und wo ich laufen sollte, wie ich die Hindernisse anfahren musste und wann das Rad zu schultern war. Und meine Strategie für den Flyover hatte ich mir auch schon zurecht gelegt: Mit einem lauten Schrei anfahren und einem noch lauteren FUCK YOU die Rampe runterfahren. Lasst euch gesagt sein – das war der Schlüssel zu meinem Flyover-Erfolg. Denn der Flyover machte nicht nur mir zu schaffen, auch alle anderen hatten damit zu kämpfen. Der Winkel war so steil, dass viele mit den Pedalen oder den Kettenblättern aufkamen und hängenblieben. Und so manche_r wandte die kreativsten hochalpinen Besteigungsstrategien an. So viel zum Einfahren.

 

(c) Stefanie Wacht
Stefanie (li) an meiner Seite (c) Markus Eckelt
(c) Stefanie Wacht
Headtube Wrap (c) Markus Eckelt

 

Der Startschuss fiel und Stefanie und ich machten uns daran, das Feld von hinten aufzurollen. Räusper. Das Rennen einfach zu unserem machen. Der Schlamm sammelte sich allmählich am ganzen Rad, die Bremsflanken waren bald verstopft und in die Pedale kommen nur möglich, wenn ich meinen Schuh mit voller Kraft in das Pedal rammte. Aber trotz dieser Widrigkeiten – das Rennen machte so viel Spaß. So viel. Am Kursrand standen unsere Fans, die bei jeder Anfahrt des Flyover die Kuhglocken wie wahnsinnig läuteten und sich die Lungen aus dem Leib schrien.

 

(c) Mimi Kathrein
Die Super-Fans (c) Mimi Kathrein

 

down_flyover
(c) Markus Eckelt

 

Das Adrenalin in meiner Blutbahn gab mir den vollen Kick, ich lachte, ich schrie und ich schimpfte – und bei der letzten Runde holte ich mir ein blutiges Knie und ein abgerissenes Schaltwerk. Der Schlamm und ein Sturz waren für das Schaltauge einfach zu viel. Aber ich wollte das Rennen beenden. Nicht mit einem DNF sondern wirklich beenden. Ich schulterte mein Rad und lief die restliche Strecke – es war sowieso schon die letzte Runde eingeläutet. Kurz hintern dem Sieger überquerte ich die Ziellinie, absolvierte dadurch ein unfreiwilliges aber sehr komisches Siegerfotobombing und war so dermaßen happy, dass ich nur noch denken und sagen konnte: I fucking love Cyclocross.

 

(c) Stefanie Wacht
Nach dem Rennen (c) Markus Eckelt

 

 

 

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